
Ich sitze an meinem Schreibtisch in Friedrichshain, es ist ein grauer Mittwochmorgen, und ich stelle mir eine Frage, die ich mir vor fünf Jahren nie gestellt hätte: Wie finde ich zu mir selbst? Nicht im Yoga-Retreat-Sinn. Sondern ganz konkret: Wer bin ich beruflich, wenn das, was mich jahrelang definiert hat, plötzlich nicht mehr so funktioniert wie vorher?
Ich bin seit über 20 Jahren selbstständig. Webdesign, SEO, Marketing – das war mein Ding. Kunden kamen, Projekte liefen, das Geschäft war planbar. Und dann kamen die letzten Jahre.
Die Krise, die keine Pause machte
Es fing mit Corona an. Plötzlich waren Kunden weg, Budgets eingefroren, ganze Branchen lahmgelegt. Als Freelancer hast du kein Kurzarbeitergeld. Du hast dein Konto und deine Rücklagen – und die Hoffnung, dass es irgendwann weitergeht.
Kaum hatte sich die Lage stabilisiert, kam die nächste Welle: Inflation, steigende Kosten, eine allgemeine Wirtschaftskrise, die besonders kleine Unternehmen und deren Marketing-Budgets traf. Und als ob das nicht reicht, tauchte ChatGPT auf und stellte innerhalb weniger Monate die gesamte Branche auf den Kopf.
Plötzlich konnte jeder eine Website “bauen”. Plötzlich war SEO-Content in Sekunden generierbar. Plötzlich fragten Kunden: “Brauche ich dich eigentlich noch?”
Wenn die eigene Identität am Job hängt
Hier wird es persönlich. Denn als Selbstständiger ist die Grenze zwischen dem, was du tust, und dem, wer du bist, verdammt dünn. Du bist nicht einfach Angestellter in einer Firma. Du bist die Firma. Dein Name steht drauf. Deine Arbeit ist dein Ausdruck.
Wenn dieses Fundament wackelt, wackelt alles. Und genau da taucht diese Frage auf, die so simpel klingt und so schwer zu beantworten ist: Wie finde ich zu mir selbst – wenn sich alles verändert hat?
Ich glaube, viele Freelancer und Selbstständige kennen dieses Gefühl. Du funktionierst, du machst weiter, du akquirierst, du passt dich an. Aber irgendwann merkst du: Du rennst, ohne zu wissen, wohin eigentlich.
Sich neu erfinden – aber wie?
Mein erster Impuls war: Mehr lernen. Neue Tools, neue Frameworks, neue Skills. Ich habe mich in AstroJS eingearbeitet, KI-Tools in meinen Workflow integriert, mich mit Themen beschäftigt, die vor zwei Jahren noch Science-Fiction waren. Das war richtig und wichtig.
Aber es hat nicht gereicht.
Denn die eigentliche Frage war nicht “Welches Tool lerne ich als Nächstes?” Die Frage war: Was davon passt wirklich zu mir? Was macht mir Freude? Wo bin ich nicht austauschbar – auch nicht durch eine KI?
Zu mir selbst finden hieß für mich: Ehrlich hinschauen, was ich gut kann, was ich gerne mache und wo ich einen echten Unterschied mache. Nicht was der Markt gerade hyped, nicht was LinkedIn sagt, was man jetzt können muss.
Was mir geholfen hat
Ich will keine Fünf-Punkte-Liste verkaufen, die alles löst. Aber ein paar Dinge haben bei mir wirklich etwas verändert:
Abstand vom Lärm. Ich habe aufgehört, jeden Tag drei Stunden Twitter und LinkedIn zu scrollen. Der ständige Vergleich mit anderen Freelancern, die scheinbar alles besser machen, hat mich mehr blockiert als motiviert.
Ehrliches Bestandsaufnahme. Was habe ich die letzten 20 Jahre wirklich gemacht? Nicht was auf dem Papier steht, sondern was hat funktioniert, was hat Spaß gemacht, wo kamen die besten Ergebnisse? Bei mir war das immer dann, wenn ich direkt mit Menschen gearbeitet habe. Nicht über Account-Manager, nicht über Ticket-Systeme – persönlich.
Altes loslassen. Ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, dass ich alles anbieten muss. Nicht jeder Auftrag ist ein guter Auftrag. Nicht jede Technologie muss in mein Portfolio. Weniger Angebot, aber dafĂĽr das Richtige.
KI als Partner, nicht als Bedrohung. Statt gegen KI zu kämpfen, habe ich sie in meine Arbeit integriert. Nicht um mich zu ersetzen, sondern um schneller und besser zu werden. Die Kombination aus 20 Jahren Erfahrung und modernen KI-Tools – das ist etwas, was kein Baukasten und kein Prompt allein liefern kann.
Die Antwort ist keine Antwort
Wie finde ich zu mir selbst? Ich glaube, die ehrliche Antwort ist: Es ist kein Moment, sondern ein Prozess. Und er hört nicht auf.
Ich bin heute ein anderer Freelancer als vor fünf Jahren. Mein Stack hat sich verändert, meine Kunden haben sich verändert, meine Arbeitsweise hat sich verändert. Aber der Kern ist geblieben: Ich baue Dinge fürs Web, die funktionieren. Für echte Menschen mit echten Zielen.
Der Unterschied ist: Ich mache es heute bewusster. Ich weiß besser, warum ich es mache und für wen. Und ich sage öfter Nein – zu Projekten, die nicht passen, zu Trends, die mich nicht weiterbringen, zu der Illusion, dass man als Freelancer alles können und alles mitmachen muss.
Was das für dich bedeuten könnte
Wenn du gerade in einer ähnlichen Situation steckst – ob als Freelancer, Selbstständiger oder Unternehmer – dann will ich dir eine Sache mitgeben: Die Frage “Wie finde ich zu mir selbst?” ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen dafür, dass du merkst, dass sich etwas ändern muss. Und das ist der erste Schritt.
Du musst nicht alles auf einmal umkrempeln. Fang damit an, ehrlich hinzuschauen: Was davon, was du heute machst, wĂĽrdest du nochmal so anfangen? Und was schlepst du nur mit, weil es halt schon immer so war?
Die Krisen der letzten Jahre haben vielen von uns den Boden unter den Füßen weggezogen. Aber sie haben auch eine Chance geschaffen: Neu zu entscheiden, wer wir sein wollen. Nicht trotz der Veränderungen, sondern wegen ihnen.
Ich bin noch mittendrin. Aber ich laufe nicht mehr blind. Und das ist schon ziemlich viel.